Zwischen Regen und Höhenmetern – SURM 2014

SURM

Als wir am Morgen im Stockfinsteren um 6 Uhr das Hotel verlassen, sind die Straßen nass. Ist der angekündigte Regen bereits vorübergezogen? Auf der Fahrt nach Alpirsbach beginnen plötzlich Tropfen auf die Autoscheibe zu prasseln, im Auto wird es still. Aus dem Tröpfeln wird ein deftiger Schauer, auf dem Asphalt bilden sich kleine Flüsse.

SURM – das steht für Schwarzwald-Ultra-Rad-Marathon. Das Original erstreckt sich über eine Distanz von 247 Kilometern mit 4.070 Höhenmetern und führt u.a. auf den Kandel. Allein dieser Anstieg hat es mit 940 Höhenmetern auf 11,3 Kilometern in sich.

SURM_1_HP

Der SURM an sich ist Herausforderung genug. Besonders spaßig wird er jedoch in Kombination mit Regen und Kälte.

Als sich die Ultraradmarathonis gegen 7 Uhr am Start aufreihen, ist es gerade trocken, @LaFlitzer ist unter ihnen. Ich verkrümele mich in das Gästehaus, denn mein Start über die kürzere Strecke hat noch etwas Zeit. Es regnet erneut in Strömen. Ein Wetter, bei dem man nicht mal schnell den Müll rausbringen oder sich ein Eis von der Tankstelle holen möchte. Der Verkauf von Regenjacken, Handschuhen und Überschuhen läuft derweil auf Hochtouren.

Bis zu meinem Start über 147 Kilometer mit offiziell 2.300 Höhenmetern vergeht noch eine halbe Stunde und bei der ständig schwankenden Witterung (nass mit Regen vs. nass ohne Regen) wechsle ich tatsächlich zweimal zwischen Weste und Jacke hin und her. Als ich am Auto noch einen Riegel hole, wechsle ich schließlich zur finalen Variante: Unterhemd + Trikot + Regenjacke. Dazu lange Hose und Überschuhe sowie normale Radhandschuhe.

Ich will zum Start fahren (der erste Startschuss ist bereits gefallen – es besteht die Möglichkeit innerhalb eines halbstündigen Zeitfensters zu starten.), jedoch fängt es an wie aus Eimern zu gießen. Ich stelle mich noch einmal unter.

Vom Start weg vollkommen nass zu sein, ist natürlich eher nicht der Wunschtraum an einem Tag, an dem man eine Radstrecke so lang und anspruchsvoll wie nie zuvor, zurücklegen möchte.

Die Überwindungsschwelle ist hoch. Starte ich? Starte ich nicht?

Ich male mir aus, wie es wäre, wenn ich nicht starte. Werde ich mich ins Auto setzen? 8 oder 9 Stunden lang bis @LaFlitzer ins Ziel kommt? Mich grämen und jammern, dass es regnet?

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was den Anstoß gab, zu starten, aber ich fuhr dann irgendwann einfach los.

Weit und breit ist kaum jemand zu sehen, die große Gruppe war längst weg. Eine gute Stunde lang geht es zunächst auf fast ganz flacher Strecke, nur leicht bergab durchs Tal. Ab und zu fahre ich an ein paar Versprengten vorbei. Es dauert eine gute Stunde bis ich mich mit der nassen Radhose und dem nassen Hintern abgefunden habe. Ich höre auf, mich über die nicht gewählten langen Handschuhe zu ärgern, so langsam ist es nicht mehr unangenehm.

Das Wetter bleibt fortan stabil – ja,Wolkenschwaden hängen in der Luft, aber es regnet nicht. Das Höhenprofil hatte ich mir am Oberrohr fixiert, zum Drehen, sodass der aktuelle Abschnitt immer zu sehen ist.

2014-09-21 14.23.23

Anstieg Nr. 1 ist anstrengender als gedacht, aber nur ein kurzes Leid. Oben trinke ich am Verpflegungspunkt 1 kurz etwas, dann geht es weiter.

Durch eine Umleitung gibt es einen zweiten alleinstehenden Gipfel, der offiziell nur 100 Höhenmeter zusätzlich bedeuten soll, im Endeffekt sind es jedoch mehr. An VP 2 reicht mir ein Becher Wasser, da VP 1 und VP 2 nur 25 Kilometer auseinander liegen.

Strecke2_Umleitung

Der dritte und letzte Anstieg zieht sich lange Teile durch ein Tal, in guter Entfernung gibt es jemanden, der vor mir fährt. Seit Verpflegungspunkt 1 war es wesentlich belebter geworden.

Das lange Tal zieht sich weiter und die nicht mit Autos befahrene Landstraße geht irgendwann in den Wald. Der finale Anstieg wartet, es wird steiler. Ich dachte nun, die anstrengendsten Teile seien geschafft. Dass das härteste Stücke erst im dritten Anstieg bevorstehen könnte, wurde von mir zuvor erfolgreich verdrängt.

Der Radfahrer, der so lang in guter Entfernung vor mir fuhr, ist immer noch da. Es wird noch steiler, der erste Schiebende wird eingeholt. Nun wird es heftig. Der wohl steilste Anstieg, den ich je gefahren bin, ich puste, aber will es unbedingt schaffen. Auf dem Garmin habe ich nun ebenfalls das Höhenprofil in der Ansicht eingestellt und ich erahne, wann das Elend ein Ende haben wird. Zwei weitere Schiebende werden überholt.

Ich schaffe es.

Nun nur noch „nach Hause“.

Nach dem „Mördergipfel“ erscheint alles andere ein Kinderspiel – aber natürlich ist diese dunkle Wolke, die sich von rechts über die Felder in meine Richtung schiebt, nicht nur Deko. Sie lässt einen Schauer über uns Radfahrer hereinbrechen. Nach mehr als hundert Kilometern mit etlichen kleinen, und drei (für mich) harten Anstiegen kann mir das nichts mehr anhaben.

Aber dieses Geräusch, wie die Nässe von der Straße an das Unterrohr prasselt – grauenhaft.

Nach ein paar Kilometern ist alles vergessen. Dass ich die Jacke zu keinem Zeitpunkt ausgezogen habe, ist nicht nur der Faulheit geschuldet, sondern auch diesem unvorhersehbaren Wetter.

Aberwitzigerweise muss ich keinen Kilometer vor dem Ziel noch einmal an einer Ampel anhalten. Aber dann bin ich da.

All das scheint nichts im Vergleich zu den Strapatzen der SURMer zu sein, die auf dem Kandel im Unwetter keine 50 Meter weit schauen konnten. Die vor lauter Kälte keine Reißverschlüsse mehr auf und zu bekamen. Deren Räder nass bis in jede kleinste Rille wurden.

@LaFlitzer überstand diesen Höllenritt und erreichte ein paar Stunden spter wohlbehalten das Ziel.

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